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Moderne Nomaden und fliegende Händler – Tuareg und Tourismus in Niger

7. Februar 2010 [ Kein Kommentar ]

Das vorliegende Fachbuch von Marko Scholze ist ein Beitrag zur Afrika Forschung, herausgegeben vom Institut für Afrikastudien in Verbindung mit dem Kulturwissenschaftlichen Forschungskolleg „Lokales Handeln in Afrika im Kontext globaler Einflüsse“ der Universität Bayreuth und dem LIT-Verlag.

Moderne Nomaden und fliegende Händler, LIT-Verlag

Moderne Nomaden und fliegende Händler

Es behandelt die Entwicklung des Tourismus und das Handeln der Tuareg als Akteure im Tourismus im Nordniger, im Air-Gebirge und zeigt die positiven wie auch die negativen Einflüsse auf, die der Fremdenverkehr auf die Tuareg-Gesellschaften ausüben.

Die im Tourismus in Niger tätigen Tuareg kommen selbst zu Wort

Der Autor Marko Scholze geht verstärkt auf die Arbeit der Tuareg ein, die als Agenturchefs mit den ausländischen europäischen bzw. amerikanischen Reiseveranstaltern in Verbindung stehen. Er läßt die Tuareg selbst zu Wort kommen und schreibt nicht nur über sie.

Er geht der Frage nach, wie weit der Fremdenverkehr bzw. die Arbeit im Tourismus die Traditionen und Lebensweise der betroffenen Tuareg beeinflußt oder verändert. Er beschreibt das Verhältnis zwischen den Akteuren im Tourismus (Agenturleiter, Fahrer, Führer, Kamelhirten, Helfer) und Dorfbewohnern, Stadtbewohnern, Verwandten und Familien.

Er zeigt das Handeln der Tuareg in diesem Wirtschaftszweig als Agenturchefs in Agadez, Fahrer und Führer, die unmittelbar am Gelingen einer Reise beteiligt sind sowie die Händler, Schmiede und Dorfbewohner der Oase Timia, die während der meisten Expeditionen besucht werden und die so ebenfalls in den Tourismus der Region direkt einbezogen sind.

Suche nach Kamelen gefährdet das Reiseprogramm

Der Autor beschreibt genau die Arbeit der Tuareg, ob bei der Vorbereitung zur Durchführung einer Geländewagentour oder eines Kameltrekkings. Dazu folgendes Zitat, das die Suche nach einem geeigneten Lagerplatz für die Gruppe und die Tiere während einer Kameltrekkingtour beschreibt, unter Berücksichtigung zur Vermeidung einer möglichen Konfliktsituation: „…Seitens der Tuareg oder des europäischen Reiseleiters wird versucht, die Bedürfnisse der Kamele mit denen der Touristen zu vereinen. Gelingt dies nicht, werden die Lager getrennt. Die Kameltreiber bleiben in der Nähe einer Weide, während die Gäste an einer anderen Stelle rasten. Durch die Wahl des Lagerplatzes mit einer guten Weide können sich die Kameltreiber beim morgendlichen Zusammentreiben der Kamele viel Arbeit ersparen, denn die Tiere entfernen sich nicht weit vom Lager. Würde das Suchen der Kamele zu lange dauern, gefährdet dies den Zeitplan der Reise. Die Tage sind in bestimmte Etappen eingeteilt, die eingehalten werden müssen, um das Reiseprogramm nicht zu gefährden und damit mögliche Konflikte mit den Kunden und Geschäftspartnern in Europa heraufzubeschwören….“.

Es bleibt oft bei der oberflächlichen Begegnung

Als einen für den heutigen Tourismus typischen Aspekt ist die oberflächliche Begegnung der Touristen mit der einheimischen Bevölkerung, die nur für eine sehr begrenzte Zeit auf einander treffen (das gilt nicht nur für die Tuareg sondern weltweit). So werden die Besuchten zu Objekten der Fotografen und zur Bestätigung der Klischees und vorhandene Vorurteile werden in dieser kurzen Zeit kaum abgebaut, was zum Teil gar nicht gewollt wird.

Die Besuchten profitieren von der eindrucksvollen Landschaft, die sie als Fahrer oder Führer zeigen, die Agenturleiter verdienen ihren Lebensunterhalt damit und hoffen auf zahlreiche weitere Touristen.
Ein wirklicher kultureller Austausch findet nicht statt, was teilweise von den Touristen bedauert wird, aber den meisten reicht es, schöne Bilder von der Reise mit nach Hause zu bringen und diese den Bekannten und Freunden zu zeigen.

Auswirkungen des Handelns der Tourismusakteure

Welche Einflüsse nimmt also der Tourismus auf die Akteure wie Agenturleiter, Fahrer, Kamelführer, Schmiede, Dorfbewohner und der Bevölkerung, die nichts damit zu tun hat?

Der touristische Einfluß auf die Bevölkerung geht durch die kurze Begegnung nicht so weit, dass es zu nachhaltigen Veränderungen kommen könnte. In Timia werden von den Dorfbewohnern Tänze und Gesänge nicht nur für die Touristen sondern auch zu traditionellen Festen dargeboten. Sind die Touristen abgereist geht das tägliche Leben weiter.

Diejenigen Tuareg, die den Tourismus zum Beruf gewählt haben, lassen gewisse moderne Einflüsse bewußt zu. Sie entwickeln aber auch eine Rückbesinnung auf die Traditionen und Kultur, die unter anderem zur Erhaltung der Sprache Tamaschek beiträgt. Sie „verteidigen“ das Nomadenleben, das die Touristen sehen wollen, auch wenn sie zum Teil in der Stadt geboren sind und vorher keine Nomaden waren.

Die Schmiede entwickeln eigens für den „touristischen Markt“ Silberschmuck mit modernen Formen, der nicht von der einheimischen Bevölkerung getragen wird bzw. nicht den Geschmack trifft. Sie wurden durch den direkten Kontakt zu den Touristen, auch während ihrer Europareisen, von den Adeligen unabhängig und selbstbewußt, aber sie werden vom Verkauf der Waren abhängig.

Das Buch endet mit einem Satz zur Situation 2007, als die erneute Rebellion die Air-Region erfaßte.

Eine Anmerkung zur heutigen Situation (Ende 2009, Erscheinen des Buches) des Tourismus im Air-Gebirge und die schwierige Lage der Tuareg, die mit der militärischen Präsenz, dem zum Erliegen gekommenen Tourismus und dem erneuten Beginn der Ausbeutung der Uranminen in und um Arlit durch die europäischen und chinesischen Firmen, umgehen müssen, hätten das Resümee abgerundet.

Übersichtliche Gestaltung erleichtert den Lesefluss

Die Gestaltung des vorliegenden Sachbuchs ist übersichtlich und klar. Jedes der sieben Kapitel gliedert sich in mehrere Unterkapitel, die mit einer Zusammenfassung enden. Die Texte selbst sind wissenschaftlich nüchtern abgefaßt und weisen stellenweise viele Wiederholungen der Fachausdrücke auf. Nötige Erklärungen stehen unten auf der gleichen Seite, was ein flüssiges Lesen ermöglicht.

Zwei Karten, zwölf Farbabbildungen, sowie Tabellen der ausgewerteten Reisekataloge und Reiseführer, und der Rankings der Agenturen in Agadez und Timia für die Tourismussaison 2000/2001 und 2001/2002 ergänzen die Ausführungen.

Ein Erfahrungsbericht eines Tourenführers beschreibt die heikle Lage, in die eine Reisegruppe kommen kann. Das Glossar enthält Ausdrücke in Tamaschek mit deutscher Erklärung. Im Text wurde übersehen, dass Tuareg bereits das Plural ist, Singular ist Targi für den Mann und Targia für die Frau.

Eine umfangreiche Bibliographie mit wissenschaftlicher und populärer Literatur wurde am Ende des Buches aufgelistet.

Der Autor

Marko Scholze studierte in Bayreuth und Bordeaux Ethnologie, Afrikanistik und Religionswissenschaft. Für seine Feldforschungen reiste er mehrmals in den Niger und nahm an touristischen Reisen teil. Er hielt sich länger in Agadez und Timia auf, um die Tourismusverantwortlichen wie Agenturleiter, Fahrer, Führer, Schmiede, Köche, Hirten und Dorfbewohner von Timia zu interviewen. Seit November 2008 arbeitet er in Frankfurt am Main an der Goethe-Universität im Institut für Ethnologie.

Fazit

Das Buch zeigt einmal mehr, wie umfangreich das Thema Tourismus in einer bestimmten Region bzw. der Einfluß der Touristen auf die besuchte Bevölkerung erörtert werden kann. Es spricht Wissenschaftler an und ist gleichzeitig ein guter Ratgeber für Reiseveranstalter und Reiseleiter nicht nur in der Sahara. Es gibt den angesprochenen Lesergruppen Möglichkeiten über ihren Umgang mit der besuchten Bevölkerung und den fremden Einfluß nachzudenken.

Es ist kein (Reise-) Buch für Touristen, die im Rahmen einer Pauschal- oder individuellen Reise den Nordniger besuchen.

Moderne Nomaden und fliegende Händler – Tuareg und Tourismus in Niger
Beitrag zur Afrika – Forschung, Band 34, LIT–Verlag, 2009

Autor/in: Birgit Agada > Nachrichten-Feed


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